3.6 Billy und Angie

Shooting mit Billy und Angie

Gespräch: Angie, Fotograf: Werner
Am Montag, 30. März 2009

Für dieses Treffen haben wir die Reihenfolge mal umgedreht: zuerst ließen wir uns zum Gespräch in einem Kaffeehaus in der Währingerstraße nieder. Danach ging’s zum fotografieren zum Kutschkermarkt.

Eigentlich heißt Billy ja mit Vornamen Bilguun, aber er meint, das ständige Erklären oder Buchstabieren sei ihm zu mühsam geworden…

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„Sagt einfach Billy zu mir!“ meint er, das verstehen alle.

Dieses Treffen war für mich eine besondere Herausforderung, weil ich mit Billy, den ich von meiner Arbeit als persönliche Assistentin für behinderte Menschen kenne, über zwei sehr sensible Themen sprechen wollte: seine Behinderung und sein Leben als Migrant hier in Wien.
Billy ist vor einiger Zeit zu mir gekommen, hat sich für Talent: Mensch sein interessiert, sagte fröhlich zu mir: „Mit mir müsst ihr unbedingt Fotos machen, ich bin ein Beispiel für gelungene Integration.“ Diese Aussage hat mich neugierig gemacht und so habe ich mich sehr auf dieses Treffen und die Möglichkeit gefreut, ihn zu fragen, was er mit dieser Aussage genau meine.
Billy, der heute 22 ist, ist mit 11 Jahren mit seiner Mutter aus Ulaanbaatar (mongolisch: Улаанбаатар; zu Deutsch „roter Held“; deutsch auch nach dem russischen Namen Ulan-Bator), Mongolei nach Wien gekommen. Zurzeit steckt er mitten in der NLP (Neurolinguistische Programmierung, s.u.*) Ausbildung, die sehr anstrengend ist.

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Auf die Frage, warum er nach Wien gekommen sei, antwortet er, seine Mutter sei auf der Suche nach einem Neuanfang und nach besseren Chancen gewesen.
Billy hat Sinn für manchmal etwas hintergründige Satire:
„Ich werde so oft gefragt, warum ich hier bin. Da antworte ich immer: so viele fahren nach Asien für Sextourismus, ich hab das einfach umgedreht.“

Und: Billy hat auch Sinn für extravagantes Outfit…

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Mit 14 hat Billy einen Unfall, stürzt und behält eine Querschnittslähmung. Er lebt mit persönlicher Assistenz, damit ist er sehr zufrieden. Heute geht es ihm gut, doch der Weg dahin war lang und schwierig, so sagt er.

billy-re-d2h_8272Ich frage ihn, ob er der Ansicht sei, dass er es „doppelt schwer“ habe in Wien, weil er behindert ist und Migrant. Er antwortet mit einem Lächeln: „Ich fahre durch die Straßen, die Leute schauen mich an – besonders die Kinder – und ich weiß nicht, warum, weil ich eine Behinderung habe? Rollstuhlfahrer bin? Weil ich so gut aussehe?“

billy-li-d2h_8272Mittlerweile mache er sich über diese Fragen keine Gedanken mehr. Früher sei er sehr schüchtern gewesen, habe sich nicht getraut, auf Menschen zuzugehen. Irgendwann habe er das dann ganz bewusst geändert, sei einfach auf Menschen zugegangen, mit einem Lächeln – „das ist ganz wichtig“ und hat gelernt, offen zu sein.

Mit dieser Offenheit erzählt er uns auch weiter aus seinem Leben und so gibt es viel mitzuschreiben…

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. So spricht er zunächst über seine Kindheit in der Mongolei: es sein ein Privileg gewesen, in eine private russische Schule zu gehen. Seine Kindheit sei freier gewesen, als die seiner späteren österreichischen SchulkollegInnen. „Die Leute sind dort härter, das merkt man auch den Kindern an. Ein Kind, das nur wegen bösen Worten weint, habe ich das erste Mal in Österreich gesehen. In der Mongolei unter meinen SchulkollegInnen hätte es das nicht gegeben.“
Und: „es war nicht schwer, als offenes Kind nach Österreich zu kommen.“
Über sein Leben heute sagt er: „ Wien ist für mich Luxus, weil es ziemlich barrierefrei ist, verglichen mit der Mongolei. Dort wäre ein selbstbestimmtes Leben für mich mit Rollstuhl nicht möglich.“

Ansonsten sei er in der Welt zu Hause, beschäftige sich nicht viel mit Politik. Mit Ausländerfeindlichkeit versucht er möglichst gelassen umzugehen und:„rausschmeißen können sie mich ja nicht mehr mit meinem österreichischen Pass.“ Mittlerweile habe er das Gefühl, gegenüber Angriffen abgehärtet zu sein, weil er gelernt hat, damit umzugehen. „Ich spiele gerne mit Identitäten. Menschen können mich oft nicht einordnen, das finde ich amüsant und es ist wichtig für mich, weil ich Kategorisierungen nicht leiden kann. Provokation ist deshalb manchmal nötig. Und die auswendig gelernten Sprüche der PolitikerInnen kann ich schon nicht mehr hören.“

Billy beschäftigt sich lieber mit seiner großen Leidenschaft, dem Beatboxen (siehe das Original Video unten). „Das war am Anfang auch eine Herausforderung, weil ich eine schwache Lunge hatte und erst trainieren mußte, um das Lungenvolumen zu steigern.“

Nach diesem interessanten Gespräch sind wir für die Partnerfotos zum Kutschkermarkt gegangen.

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Billy war von dieser Idee begeistert, weil ein guter Freund von ihm dort mit seinem Vater einen Stand hat. Leider treffen wir ihn dort nicht an, momentan ist  der Vater dort. Der ist spontan begeistert vom Konzept von Talent: Mensch sein, lässt sich mit mir fotografieren…

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…und sagt: „Wichtig ist, dass man Mensch ist.“

(Seine Kappe hatte es mir besonders angetan…)

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Angesichts des kühlen und windigen Wetters beeilen wir uns eher mit den Partnerfotos,

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sprechen dabei noch ein bisschen von der relativ kleinen mongolischen Community in Wien und über Billys Musik- und Kunstinteressen. Außerdem verabreden wir, auch in Zukunft in Kontakt zu bleiben.

Danke an Billy…dvd-billy-4x

…für ein tolles, abwechslungsreiches Treffen, bei dem wir lustig aber auch sehr ernst über uns persönlich gesprochen haben.

Wichtig ist, dass man Mensch ist!
angie-d2h_8205Angelika Gänssle

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Hinweis: Im Interview wurde auch von Billy das Wort „Behindert“ verwendet, daher wurde es generell so belassen.
In der Alltagssprache wird mit dem Wort „behindert“ oft sehr leichtfertig umgegangen. Eine Sensibilisierung auch im alltäglichen Sprachgebrauch, war daher ein wichtiges Ziel im Rahmen des von der EU Kommission erklärten Jahres für Menschen mit Behinderung 2003. Als ersten Schritt einigte man sich darauf, korrekterweise nicht mehr von „behinderten Menschen“, sondern von Menschen mit besonderen Bedürfnissen zu sprechen.

*) zu NLP siehe bei Interesse
http://de.wikipedia.org/wiki/Neurolinguistische_Programmierung

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Billy ist Beatboxer*)

*)Beatboxing

Unter Beatboxing versteht man üblicherweise das Erzeugen von Schlagzeug- und Perkussions-Geräuschen mit dem Mundraum. Der Fokus lieget auf den klanglichen Möglichkeiten der Konsonanten, während klassische Gesangsstile und Vokaltechniken sich vor allem mit den Vokalen befassen.

Zusätzlich zu den eigentlichen Beats werden auch Klangfarben (wie Snaretuning, Cymbals, Cowbells, Kongas sowie Scratches, Cuts, Melodien, Basslinien und Vocals mit dem Mund imitiert.

Durch das kontrollierte Bewegen von Zunge, Wangen-, Kiefer- und Halsmuskulatur und eine ausgefeilte Atemkontrolle werden auch mehrere Instrumente synchron simuliert, bzw. können komplexe Musikstücke durch einen einzigen Interpreten produziert werden.

Human Beatbox wird auch als die „fünfte Säule“ oder das „fünfte Element“ der Hip-Hop-Kultur bezeichnet und ist damit eines ihrer Wesensmerkmale. Umgekehrt gilt das nur eingeschränkt, da sich das Erzeugen von Beats mit dem Mund generell an das Arbeiten mit dem Turntable und den Drumcomputer anlehnt und nicht ausschließlich mit Hip Hop in Verbindung gebracht werden kann.

Diese A-cappella-Kunst entstand etwa zu Beginn der 1980er Jahre, als die junge Hip-Hop-Generation begann, zu Funk und Beats zu rappen. In Ermangelung eines Radiorekorders oder Live-Bands entwickelten sich neben Hip-Hop-DJs auch die Beatboxer. In der aktuellen A-cappella-Szene kommt kaum noch eine Formation ohne „gesungene“ Perkussion aus.

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